Sprüche und Widersprüche:
➔ Wie kam Dir die Idee, Übersetzerin zu werden?
Ich habe vor dem Studium noch eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin gemacht. Während eines Praktikums wurde mir ein 300 Seiten langer englischer Bauvertrag vor die Nase gelegt mit den Worten: „Du kannst doch Englisch, übersetz das mal!“ Ich war natürlich heillos überfordert – gleichzeitig wurde ich aber neugierig, wie man derartige Texte übersetzen kann. Das führte dazu, dass ich nach der Ausbildung das Studium zur Diplom-Übersetzerin anschloss.
➔ Gab es auf Deinem Weg Vorbilder oder jemanden, der Dich bestärkt und unterstützt hat?
Meine Familie. Klischee, ich weiß, es stimmt aber. Ich habe eine angeborene Behinderung und meine Familie hat mich immer gefördert und gefordert. „Das kann ich nicht“ war eine Ausrede, wenn ich es nicht mehr als einmal versucht hatte. Das hat dazu geführt, dass ich jedes Problem als Chance sehe – auch im Beruf. Etwas aus eigener Kraft zu schaffen, macht mich stolz. Und wenn ich etwas wirklich nicht hinkriege, hat mich meine Familie auch gelehrt, dass es keine Schande ist, sich Hilfe zu suchen.
Oh, und der Schriftsteller Hansgeorg Stengel. Der war bei meiner Jugendweihe und hat nach meiner selbst verfassten Dankesrede zu mir gesagt, ich solle unbedingt weiter schreiben. Den Rest des Tages bin ich 10 cm über dem Boden dahingeschwebt vor Stolz.
➔ Welchen Auftrag würdest Du ablehnen?
Texte, die gegen meine moralischen Überzeugungen verstoßen. Tatsächlich habe ich schon Übersetzungen abgelehnt, z. B. im Zusammenhang mit Zigarettenwerbung oder einem meiner Meinung nach betrügerischem Esoterik-Angebot.
Sein und Haben:
➔ Wohin ging Deine weiteste Reise?
Das war eine 14-tägige Reise durch Brasilien im Jahr 2011, die meine kleine Cousine gewonnen hatte. Sie hat mich gefragt, ob ich mitkomme, weil ich Fremdsprachen spreche und schon im Ausland gelebt hatte. Allein hätte sie es sich nicht zugetraut, gemeinsam war es ein fantastisches Abenteuer, von dem wir beide bis heute schwärmen. Warte mal, ich hab hier Fotos, die musst du sehen…
➔ Gibt es ein Buch, das Dich geprägt hat?
Oh, wo soll ich da anfangen? Ich bin eine Leseratte, vor mir ist kein gedruckter Buchstabe sicher! Ein paar Titel, die mir auf Anhieb einfallen, sind: „Der Friede im Osten“ von Erik Neutsch, die „His Dark Materials“-Trilogie von Philip Pullman, der „Traumfänger“ von Marlo Morgan und „Le Comte de Monte Cristo“ von Alexandra Dumas.
➔ Was motiviert Dich jeden Tag?
Kaffee???? Nein, Spaß. Schokolade geht auch.
Im Ernst, manchmal fällt es mir sehr schwer, mich zu motivieren. Ich finde es aber auch wichtig, solche „grauen“ Tage zuzulassen. Es ist nach meiner Erfahrung besser, mal ein, zwei Tage durchzuhängen und sich dann selbst einen Tritt in den Hintern zu verpassen, als sich ständig dazu zu zwingen, immer weiter und weiter zu machen. Das führt zum Absturz. Been there, done that, got the scars, wie der Amerikaner sagt.
Gott und die Welt:
➔ Woran glaubst Du?
Ich glaube daran, dass der Mensch an sich gut ist. Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich immer davon aus, dass (mir) niemand etwas Böses will. Und ich glaube, dass der Mensch nicht die Krone, sondern nur ein winziges Rädchen in der Schöpfung ist, und sich auch so benehmen sollte.
➔ Helfen Übersetzer und Dolmetscher dabei, die Welt zu einem besseren Ort zu machen?
Wenn sie ihren Beruf ernst nehmen, unbedingt! Wir sind die Vermittler zwischen den Kulturen, wir machen die Welt(sicht) des Einen sichtbar und verständlich für den Anderen. Nebenbei bemerkt ist das auch der Grund, warum ich überzeugt bin, dass die maschinelle Übersetzung Humanübersetzer niemals ganz ersetzen kann.
Freud und Leid:
➔ Gibt es etwas Skurriles in Deiner Tätigkeit, woran Du auch nach langer Zeit immer noch denkst?
Oh ja, es gibt da eine Anekdote aus meiner Zeit als HiWi an der Uni Leipzig. Mein Professor und ich haben das Wörterbuch Technik von Langenscheidt überarbeitet. Ich recherchierte nach „owner’s manual“ und fand (auf der ersten Seite der Suchergebnisse) ein „Penis Owner’s Manual“. Das ließ mich schallend auflachen und der Prof kam, um zu schauen, was mich so amüsierte. Ich zeigte es ihm, etwas peinlich berührt – und er war begeistert, weil das ein perfektes Beispiel für den Aufbau und die Sprache in einem solchen Manual war. Bei der Erinnerung muss ich heute noch grinsen.
➔ Gab es einen Auftrag, der Dich besonders bewegt oder berührt hat?
Ein Essay zum Thema internationale Kindesentführung. Einige der Fallbeispiele haben mir damals wie heute die Tränen in die Augen getrieben.
➔ Welche Beziehung pflegst Du zu Deadlines?
Die klassische Hassliebe. Ich brauche sie, um konzentriert zu arbeiten, aber sie verursachen mir auch Stress. Ich habe ein T-Shirt, das es ganz gut ausdrückt: „Unter Druck funktioniere ich am besten – kann mich mal jemand drücken?“
Beruf und Berufung:
➔ Wie sieht Dein idealer Kunde aus?
Ein idealer Kunde ist einer, der mich als Expertin in meinem Fachgebiet anerkennt und nicht als Hilfskraft ansieht. Ich habe einen Auftraggeber, der nicht besonders gut (aber immerhin immer pünktlich) bezahlt, der jedoch bei Übersetzungsfragen mich fragt und nicht Google, auf meine Rückfragen prompt und sachdienlich antwortet, sich für jede Übersetzung bedankt und Verständnis hat, wenn ich mal Probleme habe und nicht so schnell oder gut arbeite wie sonst. Diese Wertschätzung ist mir mehr wert als höhere Zeilenpreise.
➔ Was würdest Du im Beruf niemals tun?
Kunden oder Kollegen hintergehen. Egal ob es um die Auftragsvergabe oder die Abrechnung geht, ich bin ehrlich und ich erwarte auch Ehrlichkeit vonseiten des jeweils anderen. Mauscheleien verursachen mir Bauchschmerzen.
➔ In einem Satz – was würdest Du Berufseinsteigern mit auf den Weg geben?
Bleibt neugierig. Der Übersetzeralltag kann gelegentlich etwas dröge werden und die Zukunft sieht manchmal ziemlich grau aus, aber jeder Auftrag bringt etwas Neues, man lernt fachlich, sprachlich und auch menschlich immer dazu. Solange man dafür offen ist, wird dieser Beruf nie langweilig! (Gut, das waren jetzt drei Sätze…)